Weisse Geister- Alice Greenway
Greenways Debutroman, und bisher auch leider ihr einziger, beschreibt eindrucksvoll das Ende einer Kindheit in Hongkong, 1967.
Frankie und Kate leben hier mit ihrer Mutter, wirklichkeitsfern, wie in einer kleinen Oase, in der die Welt noch in Ordung ist. Nichts dringt wirklich zu ihnen durch von den Aufständen durch Maos Anhänger, die die britische Kronkolonie erschüttern.
Die Schwestern planschen im Meer, bauen Hütten aus Strandgut, sind Piraten und Meeresbräute, erobern den Dschungel hinterm Haus, rauchen verbotene Zigaretten, liegen in ihrem versteck auf bunten Schals, betrachten das funkelnde Grün, schleichen durch das Unterholz und Vietcong. Für die kindischen Spielereien sind sie eigentlich zu alt. Kate ist beinahe dreizehn, jungehaft dürr. Ihre Schwester dürfte 2 Jahre älter sein, in dem weiblichen Körper, steckt ein trotziges Mädchen, dass sich nicht an die Konventionen der Erwachsenen halten will.
Doch die seltsame Idylle, die heile Welt der Schwestern bekommt an einem Tag auf dem Meer jäh Risse. Kate ist zur Dschunke voraus geschwommen, hat ihre große Schwester endlich einmal ausgetrickst und abgehängt, und sieht zu wie Frankie vom Beiboot aus wieder ins Wasser springt:
Sie starrt zu mir herauf, wartet darauf, dass ich mich verteidige, und weiß, dass ich Keine Chance gegen sie habe. Aber ich schaue gar nicht auf Frankie, sondern unter sie, wo der Fleck größer wird und Form annimmt. Ein Schatten, deutlich dunkler als das milichig jadefarbene Meer, das ihn wiegt. Er steigt unter meiner Schwester nach oben. Ich habe Angst, dass ein Hai ist.
Auch Ah Wong sieht den Schatten und zieht Frankie im letzten Moment aus dem Meer. Doch was dort an die Oberfläche treibt ist kein Hai. Es ist die Wasserleiche einer Frau, der Gestank der von ihr augeht ist kaum zu ertragen, die Augenhöhlen wimmeln von kleinen Fischen, die Haut zum Zerbersten aufgedunsen. Die Mutter schickt die Mädchen unter Deck, doch das Bild der Leiche hat sich festgebrannt. Danach tobt es sich nicht mehr so unbeschwert, die politischen Unruhen werden greifbar. Während Kate Informationen sammelt, jeden Morgen versucht, die Zeitung in die Finger zu bekommen, bevor ihre Mutter sie verstecken kann, sieht Frankie die Geschehnisse als großes Abenteuer.
Als sie mit ihrem Kindermächen Ah Bing zu deren Tempel fahren und am Hafen die Roten Garden auflaufen und demonstrieren, stiftet Frankie kate dazu an, sich so weit von Ah Bing zu entfernen, dass sie ganz nah an die Demonstranten kommen. Sie aus nächster Nähe zu Gesicht bekommen. Als dann auch noch die Polizei aufläuft und die Situation kurz vor der Eskalation steht, versuchen die Schwestern durch abgelegene Dorfgässchen allein zum Tempel zu kommen. Doch auf dem Weg werden sie aufgehalten. Die Ereignisse dieses Nachmittages machen die Schwestern zu Geheimnis-Schwestern. Es setzt ihrer unschuldigen Kindlichkeit, ihrer Kindheit und Unbeschwertheit ein Ende.
Doch der Roman beschreibt nicht nur das Ende einer Kindheit, er erzählt zugleich von einer Frau, die fern ihrer Heimat sitzt und um ihren Mann bangt, der Kriegsfotograf ist und in Vietnam mit den Marines unterwegs, den sie möglicherweise schon an dieses Land verloren hat, der mehr Zeit im Krieg und in Saigon verbringt als mit seinen Lieben; einer Mutter, die nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, dass ihre Töchter langsam erwachsen werden; einem Mann, der den Geruch von Leichen nicht mehr aus der Nase bekommt, der deswegen immer wieder ins Feld muß, um neue zu fotografieren, der nicht mehr ohne den Krieg kann; einem Vater, der seinen Töchtern nicht die Beachtung schenkt, die sie brauchen; einer Schwester, die nicht weiß wie sie helfen soll; zwei Mädchen, die nicht wissen, wem sie sich anvertrauen können, die allein sind mit einem traumatischen Erlebnis.
Greenway erzählt in leuchtenden Farben, in Worten, die einen den Tempel sehen lassen, die schönen, bezaubernden Dinge, zugleich aber auch die Leiche der Frau so eindrücklich Art und Weise beschreibt, dass man all das vor seinem geistigen Auge sehen kann. Es ist wie ein schöner Stein, der im Sand liegt, nach dem man greift und unter dem sich etwas Grauenhaftes verbirgt, das man nicht sehen möchte: doch Greenway zeigt beide Seiten, verwebt das Schöne geschickt mit dem Abstoßendem, dem Schrecklichen. Man taucht völlig ein in diese Geschichte, wird mitgezogen. Ich habe schon wirklich lange kein Buch mehr in einem Zug durchgelesen, aber dieses konnte ich einfach nicht mehr aus der Hand legen. Es hat mich fasziniert, vor allem auch weil es einem das Land und die Kultur greifbar macht. Ich finde es sollte noch viel mehr begeisterte Leser finden. Gibt es seit Anfang diesen Jahres praktischerweise als TB.
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